Neubaugebiete
Herausforderung: Neubaugebiet
Hinter der Bahnlinie und nur durch einen Fußgängertunnel und eine Verbindungsstraße mit dem idyllischen Ortskern der Kleinstadt verbunden, ist eine Neubausiedlung für 11 500 Menschen entstanden, davon sind 1300 evangelisch. Zwei Welten prallen aufeinander! Die Kleinstadt mit der Kirche mitten im Ort, die Neustädter, frisch zugezogen von irgendwoher, viele junge Familien mit hoher Belastung durch Beruf, Verschuldung, Neuorientierung. Früher hat Kirche auf diese Herausforderung mit einer neuen Pfarrstelle und einer neuen Kirche reagiert. Aber die Zeiten haben sich geändert: "Die kann Pfarrer X in Y doch mitversorgen, dann ist seine Pfarrstelle sogar auf Dauer gesichert!"
Gemeinde pflanzen bedeutet, auf solche Herausforderungen kreativ zu reagieren. Zum Beispiel für das Neubaugebiet nicht allein die pfarramtliche Grundversorgung im Blick haben, sondern, getragen von einem Team Ehrenamtlicher, eine Gemeinde neu pflanzen, die Angebote für junge Familien in familiär, beruflich und finanziell angespannter Situation macht.
Manchmal sind Neubaugebiete mit dem bisherigen traditionellen Leben der Kirchgemeinde nicht zu erreichen. Welten liegen dazwischen. Oftmals sind die kirchlichen Gebäude viel zu weit weg. Oder es hat sich eine bestimmte Kultur im Neubaugebiet entwickelt, die mit der üblichen Mentalität in Kirchgemeinden kollidiert.
Wenn die Menschen nicht mehr zur Kirche kommen, dann kann Kirche zu den Menschen gehen. Allerdings nicht mehr als hauptamtliche Vertreter der Kirche in Form einer Pastorin oder eines Pfarrers. Kirche ist schon da mit den Christen, die sich dazuzählen. Da stellt eine Gemeinde fest, dass ein Teil ihrer engagierten Besucher aus dem gleichen Wohngebiet kommen. So entsteht die Idee, eine Filiale zu entwickeln, eine Gemeinde zu pflanzen.
Das ist natürlich nicht so einfach, diese Gruppe von Menschen zu verpflanzen. Von nun an sucht ihr euch einen Raum in eurem Wohngebiet und trefft euch dort zum Gottesdienst! Wenn sich Menschen finden lassen, die sich als Christen verstehen, dann haben sie etwas sehr Wertvolles: sie kennen die Menschen in ihrer Umgebung, in ihrer Nachbarschaft. Sie sind ein Teil von ihnen. Sie selber erleben auch, dass ihnen die Menschen in der Umgebung weniger misstrauisch entgegen kommen, als wenn eine hauptamtliche Vertreterin oder Vertreter der Kirche an der Wohnungstür klingelt.
Eine Gruppe von Menschen zu finden, die bereit sind, Vertreter des Evangeliums in ihrem Umfeld zu werden, ist sicherlich die erste schwere Etappe. Sind sie gefunden, mindestens 7, maximal 30, so müssen sie auf ihre Arbeit vorbereitet werden. Vielleicht treffen sie sich zuerst in einem Hauskreis. Sie lernen, einander zu vertrauen, sie lernen, Gemeinschaft miteinander zu haben, sie lernen, miteinander zu beten, sie lernen, mit ihren Worten von ihrem Glauben zu reden. Und vor allem bereiten sie sich darauf vor, Gemeinde zu werden.
Irgendwann innerhalb des ersten Jahres kommt dann der Schritt in die Öffentlichkeit. Natürlich nicht einem neuem Gemeindezentrum. Jetzt ist Fantasie gefragt. Vielleicht befindet sich ein kirchlicher Kindergarten im Neubaugebiet, dessen Gebäude am Wochenende frei zur Verfügung steht. Oder ein Laden wird entdeckt, angemietet und ausgebaut. Oder...
Die Gemeinde bereitet sich auf ihre Gäste vor, auf die Menschen ihrer Nachbarschaft. Am Anfang steht nicht der wöchentliche Gottesdienst auf dem Programm, aber vielleicht ein sehr informeller Gästegottesdienst, zu dem sich ihre Freunde, Verwandte und Bekannte einladen lassen, zuerst alle zwei Monate. Und natürlich ohne Orgel, Talar und alle diese traditionellen Dingen, die in der Kirche der Umgebung ihren Platz haben. Sondern in der Kultur des Neubaugebietes, weil das die Menschen verstehen.
Und vielleicht ist ein Gottesdienst, wie auch immer, ein viel zu steiler Einstieg! Eine Grillparty, ein Straßenfest, eine Woche für die Kinder des Neubaugebietes. Die Möglichkeiten sind vielfältig, die Botschaft ist klar: Wir wollen Gemeinde werden, die mitten unter euch zu Hause ist. Ihr seid herzlich eingeladen!
Klein fängt alles an. Aber es wächst: aus der Grillparty wird der Gästegottesdienst, zuerst alle 2 Monate, dann alle vier Wochen, dann alle zwei Wochen, schließlich irgendwann jede Woche. Am Anfang kommen die wenigen, zerstreut lebenden Christen aus dem Wohngebiet, später dann die ersten, neugierigen oder interessierten, Nachbarn. Menschen werden entdeckt und ihre Begabungen ausgegraben und eingesetzt. Musiker für die Band, Grafiker für die Plakate, Techniker für die Verstärkeranlage, Helfer für die Getränke hinterher. Ein bisher nicht genutztes Potential an Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern tritt zu Tage.
Und das alles macht die Gruppe nicht allein, sie bekommt Hilfe aus ihrer Gemeinde, zu der sie vorher gegangen sind. Sie wissen, sie gehören zusammen. Sie erfahren Trost, wenn sie Enttäuschungen und Rückschläge und Ablehnung erfahren müssen. Sie bekommen Hilfe, wenn die Kräfte am Anfang noch nicht reichen oder die Zahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter noch zu klein ist. Größe ist kein Thema, aber Leben ist da. Jede Situation ist anders, sie hat immer auch ihre Chancen. Die gilt es zu entdecken. Deshalb helfen Rezepte nicht, aber es gilt zu verinnerlichen: Gemeinde ist nicht da, wo ein Kirchengebäude steht oder wo Licht im Pfarrhaus brennt, sondern da, wo Christen sich versammeln und andere zum Glauben einladen.
Detlef Kauper, Gemeindedienst der Ev.-Luth. Kirche in Thüringen

