Michael Herbst: Mission bringt Gemeinde in Form

Mission bringt Gemeinde in Form

Mission bringt Gemeinde in Form In der Reihe "Beiträge zu Evangelisation und Gemeindeentwicklung - Praxis" brachte der Neukirchener Verlag im August 2006 die deutsche Übersetzung von "Mission-Shaped Church. Fresh Expressions of Church" heraus. In der nachfolgenden Leseprobe aus den Kapiteln 2 & 3 des Bandes wird das zentrale Anliegen besonders deutlich: Angesichts sich verändernder gesellschaftlicher Bezüge ist es notwendig über neue Ausdrucksformen von Gemeinde nachzudenken. Der Begriff "Netzwerk" wird dabei zu einem Leitfaktor für dieses neue Nachdenken.

Herausgegeben von Michael Herbst. Paperback, 272 Seiten, 2. Auflage 2007. ISBN: 978-3-7615-5468-5, Preis: 24,90 €
Bestellen

Rezension von Peter Böhlemann (Kurzfassung, Langfassung)

Auszug aus dem Newsletter Jg. 3, Nr. 2 (Juni 2006) des Instituts zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung (Greifswald):

2. Netzwerke: ein mächtiger Faktor

Am Anfang des dritten Jahrtausends kann man die westliche Welt am besten als „Netzwerkgesellschaft“ beschreiben. Hier hat eine fundamentale Veränderung stattgefunden: Man spricht vom „Aufkeimen neuer sozialer Strukturen“. In einer Netzwerkgesellschaft tritt die Bedeutung des „Stabilen“ hinter die des „Fließens“ zurück. Informationen, Bilder und Kapital „fließen“. Diese Flüsse gestalten in zunehmendem Maße die Gesellschaft. Dabei entsteht eine Verbindung zwischen der Verbreitung von Informationstechnologien und den wachsenden Möglichkeiten persönlicher Mobilität. Beides wird durch die globale Wirtschaft ermöglicht und gefördert. Voraussetzung für die Globalisierung ist eine vernetzte Welt: „Die Globalisierung fördert in größerem Maße als je zuvor die physische Mobilität. Will man jedoch herausfinden, welche gesellschaftlichen Folgen dies hat, muss man sich mit dem Wandel vor Ort befassen.“

Eine der Konsequenzen ist der vergleichsweise sinkende lokale und nationale Einfluss. Wenn zum Beispiel auf der anderen Hälfte der Erdkugel aufgrund des Niedergangs in einem Segment des globalen Marktes Entscheidungen getroffen werden, kann dies hier bei uns zum Verlust von Arbeitsplätzen führen. Das heißt nicht, dass nicht mehr wichtig ist, was vor Ort passiert! Aber das lokale Leben unterliegt beträchtlichen Veränderungen, und es besteht nur noch in eingeschränktem Maße die Freiheit zur Gestaltung der eigenen Zukunft. (…)

Netzwerke haben die Nachbarschaftspflege am Wohnort nicht ersetzt, aber verändert. Gemeinschaft und Gemeinschaftssinn sind häufig von lokalen und geographischen Vorgaben entkoppelt. Eine normale Stadt verfügt über eine ganze Reihe von Netzwerken. Jede Schule hat ein Netzwerk von Eltern, deren Kinder diese Schule besuchen, und auch die Kinder sind als Netzwerk untereinander verbunden. Jeder Arbeitsplatz hat, abhängig davon, wer mit wem arbeitet, sein Netzwerk, das ausgedehnt werden kann auf Zulieferer und gute Kunden der Firma. Andere Netzwerke können sich um einen Ort herum gruppieren, was besonders bei ärmeren Menschen mit geringerer Mobilität der Fall ist. Die Bewohner eines Sozialwohnungsblocks zum Beispiel können ein solches Netzwerk untereinander und mit den in der Nähe lebenden Verwandten aufgebaut haben. Dagegen kann es passieren, dass in einer Siedlung mit Einfamilienhäusern kein solches Netzwerk existiert. Für Neuzugezogene ist es dann schwer, Menschen kennen zu lernen – sie müssen sich erst einer Gruppe anschließen, die selbst Zentrum eines Netzwerks ist (z.B. einer Krabbelgruppe). In einer Stadt kann ein Netzwerk auch rund um eine Kneipe oder einen Fußballverein entstehen. Natürlich ist es jedem einzelnen vorbehalten, sich in mehreren Netzwerken zu engagieren, aber es gibt heute auch Menschen, die keinem Netzwerk angehören, weil die früher übliche Nachbarschaftspflege als Basis für Freundschaften häufig nicht mehr existiert. (…)

Mobilität ist zu einem der Hauptmerkmale dafür geworden, ob man „dazu gehört“ oder nicht. Wer seinen Bewegungsspielraum nicht ständig vergrößern kann, empfindet dies als Einschränkung. Man „sitzt fest“, wo man lebt, hat das Gefühl, sein Leben nicht genießen und sich nicht voll entfalten zu können, keinen guten Job zu bekommen ohne die Möglichkeiten, über die mobile Menschen verfügen.

Das Evangelium muss die Menschen dort abholen, wo sie sind. Andernfalls kann es nicht Teil ihres Lebens werden und es verändern. Die anglikanische Kirche muss darum Kirche unter den mobilen und unter den armen Menschen von heute sein. Die biblische Anweisung, „die Armen nicht zu vergessen“ gilt allen Christen. Es gehört deshalb zum Auftrag aller Kirchen und Gemeinden, die sich mit Gemeindepflanzungen oder neuen Ausdrucksformen gemeindlichen Lebens befassen, Gottes Gebot an dieser Stelle zu befolgen.

Für die große Mehrheit der Menschen ist das Ausmaß an Mobilität ein zweischneidiges Schwert. Die gewonnene Freiheit hat ihren Preis. Die Konsequenzen der Fragmentarisierung werden am deutlichsten im drastischen Rückgang des „sozialen Kapitals“. „Ohne es gleich zu merken, haben wir uns im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts voneinander und von unserem sozialen Umfeld entfernt.“

Hier sind zwei verschiedene soziale Prozesse am Werk. Einerseits entstehen zunehmend neu gebildete Gemeinschaften in Form von Netzwerken, andererseits sind die Menschen immer weniger bereit, sich langfristig festzulegen und zu binden. Es gibt durchaus Zusammenhänge zwischen diesen beiden Aspekten. Der erste Aspekt ist eine Veränderung in der Struktur von Gemeinschaften, mit der die Kirche sich auseinander setzen muss. Der zweite Aspekt stellt eine zerstörerische Kraft dar, der die Kirche widerstehen muss, weil sie jede Form von Gemeinschaft untergräbt. Gegenwartsbezogene Initiativen, die neue Gemeinden pflanzen oder zeitgemäße Ausdrucksformen für die Kirche in der westlichen Kultur suchen, müssen es sich zur Aufgabe machen, soziales Kapital zu schaffen: Sie müssen Bindungen aufbauen, die durch Loyalität und Treue in Christus geprägt sind. Stabile Bindungen innerhalb von Netzwerken als auch der Brückenschlag zwischen Netzwerken sind dabei gleichermaßen bedeutsam. (…)

3. Neue Ausdrucksformen gemeindlichen Lebens

Die Verfasser der Studie „Breaking New Ground“ fanden heraus, dass sich „Netzwerke zu der neuen Art von Gemeinschaften entwickelt haben, zu denen sich die Menschen zugehörig fühlen“, und dass sich „menschliches Leben heute in einer komplexen Ansammlung von Netzwerken abspielt und das direkte Wohnumfeld nur noch eine sehr geringe Rolle spielt“.

In der Konsequenz heißt das: Gemeinden müssen in Netzwerke hinein gepflanzt werden. Dies ist dann – so „Breaking New Ground“ - eine Ergänzung zu dem bestehenden territorialen Parochialsystem (also dem flächendeckenden System der Ortsgemeinden, in denen der Wohnsitz über die Gemeindezugehörigkeit entscheidet). Allerdings ist die Beziehung zwischen Wohnumfeld und Netzwerk komplexer als es zunächst schien. Es reicht nicht, Netzwerke einfach als zusätzliche Struktur zum Wohnumfeld, bzw. Netzwerk-Gemeinden als Ergänzung zu geographisch verankerten Gemeinden zu sehen. Wir müssen wahrnehmen, dass nicht nur Netzwerke für viele Menschen ein größeres Gewicht haben, sondern dass auch Ortsgemeinden nicht mehr so sind, wie sie früher waren. (…)

Kommunen und Ortschaften sind heute sehr vielschichtig. Parochiale Gemeinden müssen begreifen, dass ihre Grenzen durchlässig sind und müssen andere Ortsgemeinden und Netzwerk-Gemeinden als Partner willkommen heißen. Eine Mischwirtschaft aus Nachbarschaft und Netzwerk, in der eine Zusammenarbeit über die engen Grenzen des Stadtteils hinweg möglich wird (vielleicht auf Dekanats- bzw. Kirchenkreisebene), kann sowohl den Aspekt der Inkarnation („Fleischwerdung“ = mit und unter den Menschen leben) als auch die Universalität der Herrschaft Christi für alle gesellschaftlichen Belange hinreichend deutlich machen.

News & Informationen

Netzwerktreffen ECCLESIA ATTRACTIVA 2012

Bitte merken Sie den Termin schon vor: Vom 9. bis 10. November 2012 wird das Netzwerktreffen ECCLESIA ATTRACTIVA in Magdeburg... »

Forschungsbericht erschienen!

Der Forschungsbericht zum Thema "Erfolgreiche Gemeindepflanzungen in der EKD" ist erschienen. Sie finden ihn auch im Bereich... »

Neue Downloads

Die Vorträge zum Kongress "Gemeinde 2.0" vom 11. bis 13. März 2011 sind online. Sie finden die Vorträge im Bereich... »