Rückeroth

Rückeroth im Westerwald

Von Werner Schleifenbaum

Ich komme nur aus einem Grund zu euch: Wenn Gemeindepflanzung bei euch geht, ist bewiesen, dass es überall geht, sagte mir Bob Hopkins. Ich hatte ihn und seine Frau Mary im September 1993 angefragt, ein Seminar über Gemeindepflanzung in unserer Kirchengemeinde durchzuführen. Er sagte es mit einem kleinen Augenzwinkern. Aber auch optimistische Gemüter hätten die Ev. Kirchengemeinde Rückeroth mit ihren neun meist kleineren Westerwalddörfern nicht gerade für ein ideales Terrain für die Durchführung eines der ersten Gemeindepflanzungsprojekte innerhalb der EKD gehalten. Das kirchliche Leben ist hier eher mäßig, die Menschen konservativ, eine Erweckung fand niemals statt. Heute können wir aber sagen: Das Experiment ist gelungen.

Dabei steht für mich fest: es gibt Tausende von Gemeinden in Deutschland mit wesentlich besseren Voraussetzungen, größerem Potential und besseren Strukturen. Ich hoffe, dass viele sich noch begeistern lassen.

1. Die Idee

Viele gute Ideen entstehen aus einem Notstand. Auch Gemeindepflanzung in unserer Gemeinde ist aus der Not geboren. Eine Skizze unserer Dörfer mag dies verdeutlichen.

Eine Kirchengemeinde mit ca. eineinhalbtausend Gemeindegliedern splittert sich in neun Orte auf. Es gibt kein Zentrum im eigentlichen Sinn. Der historische Hauptort mit Sitz des Kirchspiels, der Kirche von 1246, mit Pfarrhaus und Gemeindehaus hat 450 Einwohner, davon 256 Evangelische. Ein solch kleiner Ort hat keine Mittelpunktfunktion. Es gibt in den Dörfern eine starke Tendenz, Veranstaltungen nur im eigenen Ort aufzusuchen. Traditionell fanden Gottesdienste in Rückeroth jeden Sonntag um 10.30 Uhr statt und in Herschbach und Steinen jeweils 2 x im Monat um 9.30 Uhr. Der Pfarrer ´fliegt ein` und geht wieder. In diesem System ist an mehreren Stellen eine gewisse Grundversorgung gesichert, aber es entsteht kein wirkliches Beziehungsnetz.

Auf einer Studienreise zum Thema Churchplanting 1992 in England sah ich eine ähnliche Skizze, allerdings nicht als Problem, sondern als Modell. Sollte man etwa aus dem, was problematisch schien, gerade etwas Gutes machen können? In England verstand ich, dass man aus der Not wirklich auch eine Tugend machen kann. Muttergemeinden bauten hier echte Filialen auf, aber nicht im Sinne von Minimalversorgung durch eine Pfarrstelle für alle und alles. Teams wurden vor Ort gegründet und bekamen die große Aufgabe übertragen, ganze eigene Gemeinden zu gründen. In Deutschland als Land der Reformation wird oft über das Priestertum aller Gläubigen geredet. In England erlebte ich es. Und warum sollte das bei uns nicht gehen?!

2. Der Weg

Lassen sich für ein attraktives Ziel auch heute noch Menschen gewinnen? Es fanden viele Gespräche statt. Manchmal war es überraschend, wie sich Gemeindeglieder, Kirchenvorstand, Mitarbeiter, Dekan und Propst für eine Übersetzung des Modells in deutsche Verhältnisse begeistern ließen. Um Gemeindeglieder zu autorisieren, wurde ein Kurs für Lektoren und Prädikanten durchgeführt. Ziel: Nichttheologen erhalten die Bevollmächtigung, Gottesdienste einschließlich Taufen und Abendmahl durchzuführen. Acht Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unserer Kirchengemeinde nahmen daran teil. Zuvor hatten wir schon einen Verein gegründet, die ´Missionarische Basis Westerwald`. Dieser Verein finanziert aus Spendengeldern von Menschen, die kleine Beträge oder sogar ihren Zehnten geben, eine ganze Stelle für Aufgaben im Gemeindeaufbau. Die Mitarbeiterin dort wurde zur Projektleiterin für Gemeindepflanzung. Der Kirchenvorstand beschloss, Gemeindepflanzung zu unserem Gemeindeprogramm zu machen.

3. Gemeindepflanzung im Westerwald

Vom Kirchenvorstandsbeschluss bis zur offiziellen Gründung der Filialgemeinde Ev. Andreas-Gemeinde Herschbach hat es dann tatsächlich etwa drei Jahre gedauert. Mehrere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zogen in diesen Ort, um sich dem Projekt mit ganzem Einsatz zur Verfügung zu stellen. Kontakte wurden geknüpft. Es wurde versucht, auf die dort bereits bestehenden Veranstaltungen wie z. B. vierzehntägiger Frühgottesdienst und wöchentlicher Kindergottesdienst aufzubauen. Zum Teil gelang dies sehr gut, besonders bei den Kindern und in der mittleren Generation. Auch einige Ältere machten und machen bis heute mit Begeisterung mit. Einige Andere aus der älteren Generation aber lassen sich bis heute nicht für diese neue und eigentlich doch uralte Form der Gemeindearbeit gewinnen.

Zu Beginn fanden Grundkurse des Glaubens statt, in der Vorphase auch ein Kochkurs für Männer. In der Adventszeit wurde entnervten Eltern samstags Kinderbetreuung angeboten. Ein Team von zunächst fünf Personen wurde gegründet. Es wuchs auf 11 Mitarbeiter an. Ein zusätzlicher monatlicher Gottesdienst mit Brunch wurde begonnen. Eine Gemeindeumfrage ergab die Wunschzeit und Wunschinhalte für den Sonntagsgottesdienst, nämlich um 10.30 Uhr mit traditionellen und neuen Elementen, z. B. mit alten Chorälen und ganz neuen Liedern. Der zuständige Propst der hessen-nassauischen Landeskirche segnete das Team in einem Ostergottesdienst unter Handauflegung in seinen Dienst ein. Am 1. Advent 1997 wurde aus dem Projekt schließlich eine Gemeinde.

Alle diese Schritte wurden jeweils mit der Landeskirche abgestimmt. Auch zum offiziellen Gemeindestart erreichten uns - zum Verlesen im Gottesdienst - die besten Segenswünsche unseres Propstes. Heute gibt es Wachstum im Gemeindeleben und im Gottesdienstbesuch. Alle Altersstufen sind im Gottesdienst vertreten. 18 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter teilen sich in fünf Teams mit unterschiedlichen Aufgaben innerhalb der Gemeinde auf. Zur Zeit hat sich unser Kirchenvorstand zur Aufgabe gemacht, das Verhältnis von Gesamtkirchengemeinde und Gemeindepflanzungen zu bestimmen. Beides ist notwendig, Leitung vor Ort und die Gesamtleitung durch den gewählten Kirchenvorstand. Manchmal ist das schwierig. Hier hat es auch schon Probleme gegeben. Aber unsere oberste Maxime ist nicht Problemvermeidung, sondern der Missionsbefehl Jesu.

Parallel läuft ein weiteres Gemeindepflanzungsprojekt. Bereits seit 10 Jahren gibt es in Rückeroth ein Ev. Jugendhaus im Besitz des gemeinnützigen Vereins ´Ev. Jugendhaus Baustelle eV.`. Anknüpfend an die dort bereits bestehende Jugendarbeit mit missionarischer Ausrichtung wird hier z. Z. eine Jugendgemeinde aufgebaut. Ziel ist eine Gemeinde von Jugendlichen für Jugendliche, die in ihren Lebensformen heutige Jugendkultur aufnimmt.

In einem weiteren Ort unserer Gemeinde laufen bereits die ersten Vorbereitungen für die nächste Gemeindepflanzung, nämlich im katholisch geprägten Marienrachdorf. Das Verhältnis zur katholischen Gemeinde ist in unserem Kirchspiel sehr gut. So wird etwa im Herbst eine gemeinsame ökumenische Evangelisation für alle Dörfer durchgeführt. In Marienrachdorf wird z. Z. für neues Gemeindeleben gebetet. Die ersten Vortreffen finden statt. Männer und Frauen kommen zusammen, getrennt oder auch gemeinsam, und sprechen über Themen des Glaubens und ihre Vorstellungen von Gemeinde. Eine gemeinsame Wochenendfreizeit ist als Startschuss für eine Orientierungsgruppe geplant. Wie wird diese Gemeinde dort aussehen? Das wissen wir doch jetzt noch nicht. Denn jede Gemeinde ist wieder anders. Hauptsache, sie passt zu ihrem Ort oder zu ihrer Zielgruppe. Wir werden sehen.

Ich hoffe, dass Hunderte und noch viel mehr sich auch in Deutschland aufmachen werden auf den Weg zu solch neuen Gemeinden. Oft werden Sie nur Fragezeichen vor sich sehen, oft an Ihre Grenzen stoßen, manche Enttäuschungen hinnehmen und vielleicht auch manches verkehrt machen so wie wir auch. Aber Sie werden auch neue Menschen sehen, die sonst wohl nie zum Glauben und zur Gemeinde gefunden hätten. Und Sie werden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in höchst verantwortlicher Position und im Aufblühen sehen, was sonst so nie hätte passieren können.

Gemeindepflanzung geht auch in Deutschland. Es geht. Und es macht Spaß. Ich bin gespannt, welche 10 Gemeinden jetzt damit anfangen!? Denn, nicht wahr, wir haben es doch bewiesen - hier im unteren Westerwald - wenn es bei uns geklappt hat, dann klappt es überall.

Pfarrer Werner Schleifenbaum, geboren 1956, Theologiestudium in Oberursel, Tübingen und Mainz, dreimonatiges Studium zu Gemeinde pflanzen in England, Gemeindepfarrer in Rückeroth seit 1986, verheiratet, drei Kinder.

Auszug aus dem Buch: Gemeinde pflanzen - Modell einer Kirche der Zukunft, Volker Roschke (Hg.), Aussaat Verlag, Neukirchen-Vluyn 2001.

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