Spiritualität und Heilung
Heilungsverständnis und -praxis in Gemeinde und Diakonie
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Die englische Studie "A Time to Heal" aus dem Jahr 2000
Im Jahr 2000 veröffentlichte die Anglikanische Kirche eine 400 Seiten starke Studie mit dem Titel "A Time to Heal". Damit wurde ein breiter Dialog zwischen der Kirche und den Beteiligten des Gesundheitssystems und der gemeindlichen Dienste des Heilens eröffnet. Fast jede Diözese hat einen "advisor on the healing and deliverance ministries" (was soviel heißt wie "Beauftragter für Heilungs- und Befreiungsdienste"). Diese Studie ist entstanden aus Fragen, wie sie ein indianischer Christ formulierte: "How come you know Jesus and you don't heal anybody?" ("Wie kann es sein, dass Ihr Jesus kennt und niemanden heilt?"), zitiert auf der ersten Seite von "A Time to Heal".
Impulse aus den jungen Kirchen
Genauso fragen uns die vielen Christen fremder Sprache und Kultur, die aus Afrika und Asien zu uns gekommen sind, unter uns leben. Sie nehmen war, dass in der durchschnittlichen deutschen Kirchlichkeit der Zusammenhang von Heilung, Diakonie, Gebet und Gemeinde nicht wie bei ihnen zuhause eine Selbstverständlichkeit ist, sondern nur selten überhaupt thematisiert wird.
Man kann bei uns erleben, dass die Nennung des Namens eines kranken Gemeindeglieds im gottesdienstlichen Fürbittgebet Erschrecken und Verstörung auslöst.
"Heilung" als Brücke zwischen Gemeinde und Diakonie
Der Begriff "Heilung" stellt die kirchliche Praxis vor die Frage: Wie nimmt die Gemeinde Anteil an der Krankheitslast der Menschenden und welche heilenden Dienste antworten darauf? Wie bringt sie diese Dienste ein in ihr gottesdienstliches Feiern, in die Besuchsdienstarbeit, die Seelsorge? Riten und Gesten wie Segnung, Salbung und persönliche Fürbitte sind hier unter vielem
anderen zu nennen. Die Frage reicht hinein bis in den Zusammenhang von Heilung und Versöhnung im zwischenmenschlichen individuellen wie politischen Leben. Und sie ist eine Frage an die speziellen diakonischen Handlungsfelder der Kirche in Krankenhaus, Diakoniestation und anderen diakonischen Einrichtungen.
Die Forderung einer heilenden Mission der Kirche durch die diakonischen Impulse von Wichern, Bodelschwingh und anderen ist durch das Entstehen eines ausdifferenzierten diakonisch-medizinischen Systems nicht abgegolten. Wir erleben im Gegenteil, dass durch die diakonisch-medizinische Institutionalisierung in Krankenhäusern und Pflegestationen die Verbindung zu den Gemeinden weitgehend unterbrochen wurde. Auch hat die Abhängigkeit vom Gesundheitssystem den ursprünglichen Impuls zu einer heilenden Mission der Kirche eher geschwächt.
Der Stellenwert der Gemeinde
"Die Gemeinde als ganze, nicht nur einzelne Menschen mit besonderen Gaben (Heiler), ist Subjekt eines heilenden Dienstes der Kirche, der dieser bleibend aufgetragen ist. (1. Kor.12,7-11; Jakobus 5,13-16). Wenn vom heilenden Dienst der Gemeinde die Rede ist, ist damit grundsätzlich das weite Spektrum sowohl
der pflegerischen und medizinischen als auch der seelsorgerlichen und therapeutischen wie der fürbittenden und liturgischen Tätigkeiten im Blick auf die Gesundheit und Heilung angesprochen, nie einfach nur das ´charismatische Heilen` oder die besondere ´Glaubensheilung`". (Aus: Dietrich Werner, Zur Wiederentdeckung einer heilenden Mission, Zeitschrift für Miss. Wiss. 4/2003)
Es gilt, die in der Öffentlichkeit weitgehend herrschende Tabuisierung und Isolierung von Kranken, Sterbenden und an Trennung leidenden Menschen zu überwinden, d.h.: der prägenden erfolgsorientierten Erlebnisgesellschaft zu widersprechen. Die Gemeinde mit ihrer Gabe und Aufgabe des "Heilens" soll Anwalt dieser Menschen sein. Darum ist es für einen missionarisch-diakonischen Gemeindeaufbau wichtig, dass die diakonischen Handlungsfelder nicht aus der Gemeinschaft und den Strukturen der Gemeinde entlassen werden. Es ist wichtig, dass Diakoniestationen und gemeindliche Besuchsdienste um der
Kranken willen einander wieder entdecken, wenn seelsorgerliche Seminare etwa für Trauernde eingerichtet werden, wenn Krankheit und Gebet im Gottesdienst einander begegnen.
Ganzheitliche Zuwendung verändert die Kultur in
unseren Gemeinden
In den Einkehrhäusern der Kirchen, den "Häusern der Stille", ist die ganzheitliche Zuwendung zum Menschen in Körperwahrnehmung, Seelsorge, Tageszeitengebeten, heilenden Räumen und Ritualen lange schon erkundete Praxis. Sie nimmt neben neueren psychologischen Erkenntnissen auch monastische Traditionen aus Vergangenheit und Gegenwart auf, die nicht von der Dichotomie des herkömmlichen Wissenschaftskonzepts und einer ungesunden Arbeitsteilung geprägt sind. Dort haben viele Ehren- und Hauptamtliche nicht nur für sich selber Heilendes erfahren. Vielmehr bringen sie ihre Erfahrungen in die Gemeinde ein, etwa in den Angeboten der Thomasmesse, in Patientengottesdiensten, in der Praxis von Segnung und Salbung oder meditativem Tanz. So verändert sich die Kultur einer leibentfremdeten Gestalt des Gemeindelebens. Diese Kulturveränderung ist ein wichtiger Beitrag zum heilenden Dienst der christlichen Gemeinde.
Die Wiederentdeckung heilender Dienste
Die Wiederentdeckung der heilenden Dienste braucht darüber hinaus interdisziplinäre Gesprächsforen. Es gibt sie. Im Mai 2004 kamen in der Diakonischen Akademie Deutschland in Berlin Frauen und Männer aus Medizin und Theologie, Pflege und Diakonie zusammen, um sich in einer mehrtägigen Konsultation zum Thema "Die therapeutische Kraft des Glaubens. Die Gemeinde und ihr Heilungsauftrag" zu beraten.
Das Thema wird auf den Kirchentagen von Seiten der AMD in Kooperation mit anderen weiterverfolgt (in Hannover 2005 im Rahmen der "Werkstatt Gemeinde", 2007 in Köln sowie 2009 in Bremen). An der Christian Jensen Akademie in Breklum werden Kurse und Themen zu diesem Themenspektrum angeboten. Das Evangelische Missionswerk (EMW) veröffentlichte ein Arbeitsheft mit einem weiten Spektrum von Aufsätzen zum Heilungsauftrag
der Gemeinde (Von der heilenden Kraft des Glaubens, 2005). Im Jahr 2006 fand in Breklum eine Tagung zum Thema "Wie esoterisch darf die Kirche sein?" statt, die eine Begegnung und Auseinandersetzung mit der esoterischen Heilungsszene ermöglichte. Daraus ist das Dokument "Christliche Identität, alternative Heilungsansätze und moderne Esoterik" erwachsen, das in der Zeitschrift für Religions- und Weltanschauungsfragen (hrg. von Evang. Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, EZW, Nr. 3/07 und 4/07) veröffentlicht ist. Auch auf großen internationalen und ökumenischen christlichen Konferenzen wurden diese Themen vielfach verhandelt (Weltmissionskonferenz, Lutherischer Weltbund u.a.).
Die Aufgaben
Es fehlen aber bislang innergemeindliche und regionale Gesprächsforen, die über die theoretische Verständigung hinaus die Bereicherung und Erneuerung der Praxis in Gemeinde und Diakonie zum Ziel haben. Christliche Gemeinden leben oft unter dem Niveau und unter dem Reichtum der Möglichkeiten, die ihnen aus Bibel und kirchlicher Tradition an die Hand gegeben sind. Sie haben aber Ressourcen und Potenziale in der kirchlichen Tradition wie in den kirchlichen Strukturen und Angeboten, die unter dem Gesichtspunkt "heilender Dienste" neu entdeckt und geweckt werden können.
Gesundheit, Heilung und Spiritualität -
Zur Zukunft des heilenden Dienstes in Kirche und Diakonie
So heißt ein 149seitiges Grundsatzpapier (PDF: 3,3 MB), das das Deutsche Institut für Ärztliche Mission herausgegeben hat. Daran haben mitgewirkt: Peter Bartmann vom Diakonischen Werk der EKD, Beate Jakob (DIFÄM), Ulrich Laepple (AMD) und Dietrich Werner vom Ökumenischen Rat der Kirchen in Genf.
Das Papier äußert sich aus ökumenischer, diakonischer und missionstheologischer Sicht zu Fragen des Kontexts in Deutschland (Heilungssehnsucht und Gesundheitsboom) sowie zum weltweiten Kontext der Gesundheitsversorgung, gibt Antworten auf Fragen, welches Verständnis von Gesundheit und Heilung sich für Christen nahelegt und wie eine Gemeinde vor Ort in ihrem Leben, Feiern und Arbeiten den Heilungsauftrag gestalten kann.
Die Print-Ausgabe erhalten Sie hier:
Deutsches Institut für Ärztliche Mission e.V. (DIFÄM)
Paul-Lechler-Str. 24
72076 Tübingen
Fon: (07072) 206-512
Zum gemeindlichen Aspekt vgl. auch den AMD-Studienbrief D 23: Gemeinde als Heil-Land von Ulrich Laepple (im Shop zu bestellen).

