Wir glauben: Kirche gehört mitten ins Leben. Sie kann so viel mehr sein als Gottesdienst – praktisch und spirituell zugleich. Das ist HAEVN: ein altes Pfarrhaus in Stepenitz (Gemarkung Marienfließ), getragen vom Institut für Kirche 4.0 e.V. mit der Gesamtkirchgemeinde St. Nikolai Putlitz. Coworking-Space. Bibliothek. Gebetsraum. Eisdiele. Nachhilferaum. Dorf-Sauna. Alles unter einem Dach, oft im selben Raum. Kirche neu erleben.

Eckdaten

Name des Teams / Rechtsträgers: Institut für Kirche 4.0 e.V.
Straße / Nr.: Stift Marienfließ 9
PLZ / Ort: 16945 Marienfließ
Kontaktperson: Heiko Kienbaum
Funktion im Projekt: Vorstand / Projektleitung
E-Mail: heiko@haevn-community.org
Website des Trägers: http://www.institutfuerkirchevierpunktnull.de
Website des Projekts: http://www.altespfarrhaus-marienfliess.de

Was ist Auslöser für das Projekt?

2022 sagte die Kirchgemeinde unter dem damaligen Pfarrer Spitzner: In ein kaputtes Haus zieht kein Leben ein. Also wurde das Alte Pfarrhaus bis 2024 saniert – mit Mitteln der Kirchgemeinde und aus dem LEADER-Programm. Im Förderantrag stand schon der Claim „Haus der Begegnung“. Was das praktisch heißen sollte, wusste niemand.

Diese Lücke füllten Jürgen Kehrer und Heiko Kienbaum. Zusammen mit Coworking-Leuten aus Berlin, der Berliner Stadtmission, der Jungen Kirche Berlin, dem EKBO Dritte-Orte-Fonds und privaten Unterstützer*innen legten sie ein Konzept vor. Ende 2024 kam der Zuschlag, im November ging es los.

Dahinter stand eine größere Frage: Wie bekommen wir kirchliche Gebäude nicht nur gefüllt, sondern zurück ins Bewusstsein der Menschen? Ein Pfarrhaus war früher oft der Mittelpunkt eines Dorfes. Genau das sollte es wieder werden – für Kirchennahe und Kirchenferne gleichermaßen.

Der Auslöser war also kein einzelner Moment, sondern zwei Entscheidungen nacheinander: erst eine Kirchgemeinde, die investierte, ohne den Plan schon zu kennen. Dann ein Team, das diesem Vertrauen eine Idee gab.

Welche Herausforderung / Vision?

Im Umkreis von zehn Kilometern gibt es keinen Laden, keine Kneipe, keinen Treffpunkt. Wer hier 15 ist, hat keinen Ort, an den er einfach mit dem Fahrrad fahren kann, ohne dass ein Programm auf ihn wartet. Und im Winter wird es still: Die Gartensaison ist vorbei, jeder verschwindet in seinem Haus. Von November bis März begegnet man sich im Dorf kaum noch. Gleichzeitig strukturieren Landeskirchen um, sparen, ziehen sich zurück.

Unsere Vision: das Alte Pfarrhaus als Dorfmittelpunkt zurückholen. Einen Ort schaffen, an dem Glaube da spürbar wird, wo Menschen ohnehin sind – beim Kaffee, beim Arbeiten, beim Gärtnern, in der Sauna. Und einen warmen Raum für die dunkle Jahreszeit, in dem Begegnung nicht vom Wetter abhängt.

Dass das trägt, zeigt sich schon. Mit einer pädagogischen Fachkraft und Förderung der Stiftung Kirche im Dorf haben Teenagerinnen aus dem Dorf im Frühjahr einen alten Bauwagen auf die Pfarrwiese gezogen. Seitdem bauen sie ihn selbst aus – ihr eigener Ort, den sie sich nicht erbeten, sondern erarbeitet haben.

Neben der klassischen Arbeit der Gesamtkirchgemeinde St. Nikolai Putlitz entsteht so ein zweiter Zugang zu Kirche. Ohne Mitgliedschaft, ohne Vorbedingung, ohne Anmeldung.

An wen richtet es sich?

Bunt gemischt, über alle Generationen: Auszeitsuchende aus Berlin und Hamburg, Menschen auf der Suche nach Spiritualität, Coworker und Übernachtungsgäste, Senior*innen aus dem Klosterstift nebenan, Familien und Zugezogene aus den umliegenden Dörfern, Kinder und Jugendliche aus Stepenitz – und die Gesamtkirchgemeinde St. Nikolai Putlitz selbst. Kirchennahe wie Kirchenferne. Ohne Mitgliedschaft, ohne Anmeldung.

Was passiert bei dem Projekt?

Im Alten Pfarrhaus sind Coworking, Übernachtung, Bibliothek und ein Gebetsraum entstanden, der im Lauf der Woche mehrfach seine Funktion wechselt. Im Sommer betreibt das HAEVN „Das Kleine Pfarrhäuschen“ – einen Eis-, Crêpe- und Kaffeestand, den Jugendliche aus dem Dorf als bezahlten Ferienjob führen; bei schlechtem Wetter und im Winter zieht derselbe Betrieb als „Winterkirche“ in den Gebetsraum. Unter der Woche nutzt eine Teenagerin denselben Raum als Nachhilferaum, eine Physiotherapeutin ohne eigene Praxis behandelt im Workshopraum Menschen aus den Nachbardörfern, eine ältere Nachbarin bietet meditativen Tanz an. Auf der Pfarrwiese bauen Teenagerinnen seit dem Frühjahr einen alten Bauwagen zu ihrem Safe Space aus. Im Pfarrgarten entsteht eine Dorf-Sauna, gebaut von Ehrenamtlichen und Dorfbewohner*innen. Im Keller läuft eine Food Koop. Gerade bauen wir 3D-Druckwerkstatt und Malatelier auf, weil eine Coliving-Bewohnerin als Kunsttherapeutin ihre Zeit einbringt. Und wir öffnen unsere interne Bibliothek: Aus dem Leseraum wird „die gute Stube“ – werktags offen, mit Tageszeitung, Magazinen, Literatur zu Glauben und Sinnsuche, Kaffee und Zeit für Gespräche. Dazu Themenabende zu Demokratie, Familie und Erziehung, Lebensausrichtung. So trifft interreligiöser Abend auf 3D-Druck-Workshop, und in der Küche fragt ein Coworker den Fremden neben sich: „Bist du auch Auszeitgast?“ – „Nein, ich bin der Pfarrer hier.“

Was bewirkt es?

Wir schauen auf drei Ebenen: Nutzung, Veränderung, Wirkung im Ort.

Nutzung: An vielen Wochenenden ist das Haus ausgebucht, die Gästezahlen liegen über unserer Planung. Viele finden uns über Booking – Geschäftsreisende zwischen Berlin und Hamburg, Verwandtschaft Einheimischer zu Konfirmation oder Jugendweihe. Sie kommen mit kirchlichem Leben in Berührung, ohne danach gesucht zu haben.

Veränderung: Aus Kontakt wird Nachfrage. Gäste fragen von sich aus nach geistlicher Begleitung. Am Telefon sagt jemand: „Ich bin auf der Suche nach Gott.“ Jugendliche im Ferienjob rechnen ab, halten Zeiten ein, übernehmen Verantwortung – im zweiten Jahr gab es mehr Bewerbungen als Plätze, geworben haben sie selbst. Und Leute aus dem Dorf bringen eigene Angebote ein: Nachhilfe, Physiotherapie, meditativer Tanz, Food Koop. Wir unterstützen auch Gründer:innen: Mehrere Vereinsgründungen aus der Region gingen daraus hervor. Das Social Impact Team für soziale Gründungen in Brandenburg war zu Gast mit festen Sprechstunden.

Wirkung im Ort: In der guten Stube sitzen Vorschulkinder, Senior*innen und Zugezogene an einem Tisch, die sich sonst höchstens vom Sehen kennen. Ein Zimmer halten wir dauerhaft für Menschen in schwierigen Lebenslagen frei – vergünstigt oder gegen Mitarbeit. Mit ihnen essen wir, arbeiten wir, beten wir.

Wir dokumentieren Gästezahlen, Auslastung, Veranstaltungen und die Einträge im Gästebuch. Dort steht der Satz, der für uns am meisten zählt: „Kirche neu erleben.“

Was ist das Innovative / Wegweisende?

In die gute Stube kam früher nur, wer geladen war. Genau das drehen wir um: Unsere steht offen, wer kommt, gehört dazu. Dieselbe Umkehrung trägt das ganze Haus. Unser Gebetsraum ist an Regentagen Eisausgabe, unter der Woche Nachhilferaum. Wer dort ein Eis holt, steht in dem Raum, in dem sonst gebetet wird – ohne dass es jemand erklären muss. Manche Eltern sagen dann: „Schön, dass die Kirche sowas anbietet.“ Genau genommen sind wir es, in Kooperation mit ihr. Aber dass man das verwechselt, sagt alles darüber, wie nah Kirche und Alltag hier zusammengerückt sind.

Wegweisend ist für uns dreierlei. Die Ökonomie: Rund die Hälfte der laufenden Kosten trägt HAEVN selbst – über Übernachtungen, Coworking, Mitgliedschaften. Kirche, die wirtschaftet, statt zu verwalten. Die Trägerschaft: Förderverein und geplante Genossenschaft verteilen Verantwortung auf viele Schultern, statt sie an Einzelnen hängen zu lassen. Die Vernetzung: Über CoWork Land und das Netzwerk Zukunftsorte holen wir Kompetenz ins Dorf, an die Kirche sonst selten kommt.

Übertragbar ist das überall dort, wo ein Pfarrhaus leer steht: Räume und Rollen öffnen, die einmal exklusiv waren – und darauf vertrauen, dass Glaube im Kontakt entsteht, nicht im Programm. Auch unsere Röstworkshops in der HAEVN-Röstmanufaktur funktionieren so: Beim gemeinsamen Rösten kommt man automatisch ins Gespräch, ganz ohne Programm dahinter.