Blauer Himmel

Kommunikation des Glaubens

"Wort-Transport" in christlichen Cafés und Kneipen

Vielen Mitarbeitenden in christlichen Cafés oder Kneipen liegt besonders am Herzen, etwas von ihrem Christsein weitergeben zu können und Gäste den Glauben "schmackhaft" zu machen. Doch Kommunikation beginnt nicht erst mit dem Gespräch am Tresen. Vielmehr sollten wir die vielen Facetten eines Kommunikationsprozesses wahrnehmen, um zu einem umfassenderen Verständnis von Kommunikation zu gelangen.

Schon die Worte, mit denen im Gottesdienst zum Abendmahl eingeladen wird, machen deutlich, dass nicht nur Verstand und Gehör, sondern ausdrücklich mehrere Sinne angesprochen werden: "Schmeckt und seht, wie freundlich der Herr ist". Menschen möchten das Evangelium ERLEBEN. Auch die Kommunikation des Evangeliums geschieht wie jede Art von Kommunikation auf vielen Ebenen. Das mag besonders jene, die bisher fixiert waren auf das Gespräch über den Glauben, entlasten.

Prof. Dr. Friedemann Schulz von Thun ist wohl einer von Deutschlands bekanntesten Kommunikationspsychologen. Sein Buch "Miteinander reden" empfiehlt sich für alle, die sich näher mit dem Thema Kommunikation beschäftigen wollen. Eine seiner zentralen Thesen: Wir können nicht nicht kommunizieren. Das heißt also: Alles kommuniziert: Wie wir unsere Gemeinschaft pflegen, welche Themen uns bestimmen, welches Vokabular wir gebrauchen, wie wir miteinander feiern, die "Sprache unserer Räume", in denen wir uns aufhalten, welches "normale Leben" wir führen. Wie Menschen Glauben dadurch "fühlen", brennt sich i.d.R. viel stärker ein als das, was vielleicht theologisch richtig gesagt wird. Deshalb liegt es nahe, Evangelisation als Lebensstil zu betrachten und einzuüben.

Evangelisation vollzieht sich in drei Dimensionen:

  • In verschiedenen Formen öffentlicher Verkündigung (z.B. Predigt, Glaubenskurse, evangelistischer Literatur oder Veranstaltungen),
  • durch Kommunikation in alltäglichen Kontakten (z.B. Gespräche, Begegnungen, Freundschaften, Anteilgeben an Lebens- und Glaubenserfahrungen)
  • sowie durch einen ausstrahlenden, im besten Falle anziehenden Lebensstil einer Gemeinschaft oder einzelner Christinnen und Christen, z.B. durch leidenschaftliches Engagement für Menschen in Not.

Erst alle drei Ebenen zusammen bilden eine Einheit. Stehen einzelne Aspekte im Widerspruch zueinander, wird dadurch die Glaubwürdigkeit des Evangeliums untergraben. So steigt das Risiko, dass Außenstehende schnell nicht nur das Interesse an uns verlieren, sondern auch den Glauben in Frage stellen.

Die "Körpersprache" einer Gemeinde ist in den letzten Jahren neu ins Bewusstsein getreten. Sie spricht oft viel eindeutiger und lauter als das, was explizit in einer Veranstaltung oder Predigt gesagt wird. Damit öffnet sich das weite und umfassende Feld der Kultur, die jede Art von Organisation (z.B. Familie, Unternehmen, Behörden, Vereine etc.) bestimmt. Kulturelle Aspekte sind somit auch für die verschiedenen Formen christlicher Gemeinschaft (Gemeinde, Café, diakonische Einrichtung ...) oder für das Leben einzelner Christen von Belang. Eine Gemeinschaft sollte deshalb den Fokus darauf richten, wie in ihr Beziehungen und Kommunikation gepflegt werden und wie offen sie für Menschen, die von außen dazukommen, wirklich ist. Je länger eine Gemeinde besteht, sollte sie von Zeit zu Zeit bewusst die eigene Beziehungsfähigkeit bewusst auf den Prüfstand stellen. Erfahrungsgemäß können Routine und Gewohnheit dazu führen, dass Anspruch und Wirklichkeit deutlich auseinanderklaffen.

Schon die Urgemeinde, wie sie in der Apostelgeschichte beschrieben ist, strahlte nach außen aus. Freilich rief sie unterschiedliche Reaktionen hervor: von Neugier über Respekt bis hin zu Glauben, aber auch genauso Spott, Bedrohung oder sogar Verfolgung. Wo Christinnen und Christen ein Team bilden, sollte ihr Ziel sein, eine positive Ausstrahlung nach außen zu erlangen. Ein Caféteam, das seine geistliche Gemeinschaft pflegt und sein Leben nach Gottes Verheißungen gestaltet, wird gewiss Menschen positiv überraschen und innerlich berühren.

Wahrheit und Liebe

Evangelisation ist ein umfassendes Kommunikationsgeschehen mit dem Ziel, Räume zu eröffnen, in denen Menschen Gott begegnen können. Oder anders ausgedrückt: Wahrheit und Liebe müssen zusammen kommen. Wo Menschen das Evangelium nur als Wahrheit "um die Ohren gehauen" wird, werden sie zu Missionsobjekten degradiert. Wo das Evangelium nur in Form von Liebe weitergegeben wird, lässt man die Menschen im Unklaren über Ziel und Sinn ihres Lebens.

Selbstbewusst über den Glauben reden

Es ist ein großes Geschenk, wenn sich Gespräche über den Glauben ergeben. Man kann und muss dem nicht künstlich nachhelfen. Stattdessen sollte man die Möglichkeiten indirekter Verkündigung (s.o.) nicht unterschätzen, einfach viel Geduld und Liebe mitbringen, darauf vertrauen den richtigen Zeitpunkt zu erkennen und dann mit Gottes Wirken und seiner Gegenwart rechnen.

Frei und natürlich über seinen Glauben zu reden ist nicht jedem in die Wiege gelegt. Aber man sollte sich auf keinen Fall unter Druck setzen, denn mehr Sicherheit darin zu bekommen kann man lernen. Sicherlich ist es von Vorteil, sich seine eigenen Ängste und Blockaden klarzumachen und ein paar Tipps von Profis zu beherzigen. Reinhold Krebs, ehem. Referent im Ev. Jugendwerk in Württemberg, war viele Jahre in der offenen Jugendarbeit tätig und gibt seine Erfahrungen gern weiter:

"Innere Blockaden beim Gespräch über den Glauben" (PDF) "Thesen und Tipps zum Gespräch über den Glauben"

In der Evangelisation gilt genauso wie im ganzen Leben: Es gibt kein Patentrezept. Und es gibt nicht ´die` richtige Antwort, die in jeder Situation passen könnte. Evangelisation ist immer kontext- und situationsbezogen. Man kann sich nicht auf alle Eventualitäten vorbereiten - im Gegenteil: Leute, die für jede Situation das schlagende Argument griffbereit haben, sind vielen sogar ein bißchen unheimlich. Wenn Menschen uns auf unseren Glauben ansprechen, wollen sie nichts Perfektes, keine Dogmen, nichts Auswendig-Gelerntes. Sie wollen, dass ich ihnen als Mensch begegne. Mit meinem ungeraden Lebensweg; mit den Ungereimtheiten. Die Menschen möchten nichts Allgemeines über Gott und den Glauben hören, sondern wie er mich in meinem Alltag prägt. Gerade wenn ich die eigenen Ungereimtheiten, Fragen und Zweifel zulasse und mich auf diese Weise verletzlich zeige, wirke ich oft glaubwürdiger und authentischer als jemand, der auf alles eine passende Antwort zu haben scheint.

Einige Mitarbeitende in Cafés und Kneipen stehen in der Versuchung sehr schnell das Gespräch "auf das Eigentliche" lenken zu wollen. Doch Vorsicht: Existentielle Themen bedürfen einer Vertrauensbasis. Wenn ich einem Gast, der zum ersten Mal im Café sitzt, nach zehn Minuten erklären will, welche rettende Tat Jesus für uns am Kreuz getan hat und welche tiefgreifenden Auswirkungen das auf sein Leben hat, werde ich vermutlich Irritationen bei meinem Zuhörer auslösen und beziehungstechnisch eine Bruchlandung machen. Beziehungen brauchen Zeit zum Wachsen. Welche Themen in welcher Phase einer Beziehung ihren Platz haben, zeigt das Modell "Wie Beziehungen wachsen". Natürlich kann es sein, dass Gott schon nach kurzer Zeit intensive Begegnungen ermöglicht, aber das wird die Ausnahme bleiben. Deshalb brauchen wir im Café Mitarbeitende mit einem langen Atem.

Gelingende Gespräche folgen bestimmten Regeln. Wenn ich diese nicht kenne, kann bei meinem Gegenüber leicht der Eindruck von Desinteresse entstehen. Unkenntnis birgt die Gefahr in sich, Distanz zwischen den Gesprächspartnern aufzubauen und sein Gegenüber emotional allein zu lassen. So ist z.B. aktives Zuhören unabdingbar für einen guten Gesprächsverlauf. Zehn Tipps für das aktive Zuhören hat Reinhold Krebs zusammengestellt. Außerdem sollte man folgende Gesprächskiller  kennen und vermeiden.

10 Tipps für das aktive Zuhören (PDF) Gesprächskiller (PDF)

Jesus - ein Kommunikationsprofi

Wir können vieles über Kommunikation lernen, wenn wir uns an Jesus orientieren. Insbesondere empfehlen sich Begegnungsgeschichten aus der Bibel wie

  • Jesus bei Zachäus (Lk. 19, 1-10)
  • Jesus und die Jünger auf dem Weg nach Emmaus (Lk. 24, 13-35)
  • Jesus begegnet der Frau am Jakobsbrunnen (Joh. 4)

Jesus vereinigte in seiner Person Liebe zur Sache (Mission), zum Vater und zu den Menschen, die er traf. Viele für diese Menschen lebensverändernden Begegnungen entstanden aus ganz alltäglichen Situationen heraus.

Jesus ...

  • ging auf Menschen zu ohne sich aufzudrängen
  • interessierte sich für ihre Themen
  • nahm sich Zeit für das persönliche Gespräch auf Augenhöhe
  • beherrschte die Kunst des "small talk" über ganz alltägliche Dinge, verpasste aber nicht irgendwann auf die Ebene des "deep talk" zu gelangen
  • hörte zu und nahm die Zwischentöne wahr, um einen liebevollen Blick hinter die Fassade seines Gesprächspartners werfen zu können
  • akzeptierte sie vorbehaltlos. Niemals entstand der Eindruck, dass Menschen sich ihm gegenüber hätten "religiös korrekt verhalten" müssen
  • war nicht belehrend, sondern stellte vielmehr die richtigen Fragen, damit Leute ihre Geschichte (oder was ihnen auf der Seele liegt) aus ihrer Sicht erzählen konnten
  • nahm Anteil anstatt Vorträge zu halten
  • verzichtete auf schablonenartige Lösungen, sondern bot maßgeschneiderte Antworten an
  • deutete Lebenserfahrungen seiner Gesprächspartner durch Erzählungen und einfache Gleichnisse, die dem Alltag entstammen. Auf diese Weise lud er sie zum Perspektivenwechsel ein, damit sie ihre Situation anders wahrnehmen konnten
  • ließ sich unterbrechen und reagierte auf die Einwände seiner Gesprächspartner
  • lebte, was er sagte
  • schuf eine Atmosphäre des Vertrauens und der Gastfreundschaft, indem er mit Menschen zu Tisch saß, und zeigte keine Scheu zu genießen
  • ließ Menschen die Freiheit (vgl. Lk. 24, 28-29: Jesus stellte sich als ob er weitergehen wollte. Da luden die Jünger ihn ein zu bleiben)